ANMERKUNG
(a) Der gefallene Mensch ist durch seine Sündhaftigkeit nicht in der Lage, sich "für" Gott zu entscheiden; deshalb wird sein naturgemäß zum Bösen geneigter, "unfreier" Wille erst dann frei, wenn er durch die Zuneigung der Vergebung Christi (WB 11,1-6; 14,2; 15,2) (Wiedergeburt durch den Glauben) erneuert wird. So muß jede Tat des Menschen daran gemessen werden, ob sie aus einem durch Christus befreiten Willen entspringt oder nicht. Gott kann nur annehmen, was durch Christus geheiligt wurde (WB 16,6+A1). Deshalb kann keine menschliche Tugend - wie vorbildlich und nachahmenswert sie auch sein mag - vor Gott bestehen, wenn sie sich nicht aus der Kraftwirkung des Heiligen Geistes heraus entfaltet. Dies führt zu einer erschreckenden Konsequenz: Ist Gott nicht selbst die Quelle, so stellt alles Streben und Bemühen nach Tugenden nichts anderes, als die Verwerfung Christi dar; denn auf diese Weise bringt der Mensch zum Ausdruck, daß er auch durchaus ohne die Hilfe des Heiligen Geistes, ohne Umkehr und Erneuerung aus dem bloßen Glauben, also ohne Christus ein unantastbares Leben führen könnte. Dem hält Luther entgegen: "Paulus nennt "Fleisch", was immer ohne Geist ist ... Deshalb sind jene höchsten Tugenden der besten Menschen "fleischlich" das heißt, sie sind tot, gottfeindlich, haben sich dem Gesetz nicht unterworfen (das ihre Selbstgefälligkeit anklagt)* ... und sind nicht Gott wohlgefällig" (aus: Vom unfreien Willen).

(b) Das römisch-katholische Verständnis von der "similitudo Dei" (Nachahmung Gottes) wurzelt in diesem Fehlverständnis. So soll auf der Grundlage eines "freien Willens" Christus durch ähnliche Verhaltensweisen nachgeahmt werden. Es wird dabei die äußere Ähnlichkeit gesucht und durch verschiedene Methoden (z.B. unter dem Einfluß von Exerzitien) eine bestimmte "Spiritualität" entwickelt, sodaß sich - menschlich gesehen - hervorragende Charaktere herausbilden. Die Tragik liegt jedoch darin, daß diese Art der Charakterschulung das eigentliche Zentrum des Evangeliums umgeht: Nicht Gott, sondern der Mensch übernimmt die Heiligung. Äußere Methoden ersetzen das innere Wirken des Heiligen Geistes. Der Heilsweg Christi wird psychologisch nachvollzogen, jedoch nicht durch den schlichten Glauben an das Wort Gottes ergriffen. Die heilsnotwendige Umkehr (WB 15,1-2) und Wiedergeburt durch den Heiligen Geist wird durch mystische Versenkung in die Nähe Gottes (WB 13,1-A1c-d; 21,3-A1d; 28,5-A2) umgangen. Es ist naheliegend, daß solche Übungen eine mediale (WB 13,1-A1c) Prägung aufweisen und sich mit dem Okkultismus berühren, wenn besondere "spirituelle Gotteserfahrungen" gemacht werden.

(c) Unabhängig vom Denkansatz mag das Resultat aller Versuche, ein charakterlich vorbildliches Leben zu führen, ähnlich aussehen: ob durch eine römisch-katholische Methode der Nachahmung Christi; ob aus einer rein säkularen, humanistischen Weltanschauung heraus, ohne spezifisch religiöse Bindung; oder aber ob durch das heiligende Wirken des Heiligen Geistes in dem Menschen, der allein auf Christus vertraut. Doch was vor unseren Augen ähnlich zu sein scheint, weist vor Gott einen Unterschied wie zwischen Himmel und Hölle auf. Gott kann nur annehmen, was er selbst wirkt. Dies gilt auch dann, wenn von römisch-katholischer Seite eingeworfen wird, der "freie Wille" des Menschen würde doch nicht ohne, sondern "zusammen mit" Gottes Gnade die Wahl zwischen Gut und Böse treffen. Dieser Ansatz scheitert jedoch am biblischen Gnadenverständnis: Gnade ist Geschenk, nur Geschenk, völlig unverdientes Geschenk . Wenn jemand diesem Geschenk Christi - wenn auch nur teilweise - seine Fähigkeiten, Verdienste, Werke, sein Streben und Bemühen beirechnet, dann hat er den Geschenkscharakter des Evangeliums, ja Christus verworfen. Doch das ist die Frohbotschaft des Evangeliums: Gott gibt sich selbst und dies ganz zum Geschenk. Er ist nicht im geringsten, auch nicht "teilweise", käuflich.

(d) Da die Gnade reinen Geschenkscharakter besitzt und durch menschliche "Mithilfe" nur sündhaft entstellt würde, stellt Luther fest: "Die Gnade duldet bei sich nicht das kleinste Stück oder die geringste Kraft des freien Willens. Daß aber die Schirmherren des freien Willens Christus verleugnen, beweist nicht nur die Schrift, sondern auch ihr Leben selbst. Denn daher haben sie Christus nicht mehr zu einem gütigen Mittler, sondern zu einem furchtbaren Richter gemacht, den sie durch die Fürbitten der Mutter Maria und der Heiligen (WB 21,2+A1; 21,4+A1), sodann durch die vielen erfundenen Werke, Zeremonien (WB 16,1; 20,2; 21,1), Mönchsorden und Gelübde (WB 22,7) zu versöhnen sich bemühen; mit dem allen gehen sie darauf aus, daß ihnen der versöhnte Christus Gnade schenke; aber sie glauben nicht, daß er bei Gott sie vertrete und ihnen die Gnade erwirke durch sein Blut - und zwar: 'Gnade um Gnade'. Und wie sie glauben, so haben sie es. Es ist nämlich Christus jenen in Wahrheit und verdientermaßen ein unerbittlicher Richter, weil sie ihn als den gnädigsten Mittler und Erlöser verlassen und sein Blut und seine Gnade für wertloser halten als das eifrige Streben und Bemühen des freien Willens" (aus: Vom unfreien Willen).