Die "Zweitursachen" stellen den menschlichen Erfahrungshorizont dar, der alle Ereignisse den Umständen
entsprechend als "zwangsläufig (z.B. Abfolge, Reaktionen), frei (z.B. Appell an den Willen) oder zufällig"
geschehen einstuft. In diesen begrenzten Rahmen hinein hat sich Gott durch sein Wort offenbart, sodaß jeder
Mensch von seiner Warte aus die Möglichkeit hat, sich dem Evangelium zu verschließen oder sich von der
Liebe Christi überwinden zu lassen, wenn er die frohe Botschaft der Vergebung Gottes hört.
(a) Daß Gott Menschen verstockt, ihnen seine Gnade vorenthält und sie in ihrer Schuldverkettung überläßt,
gehört in den unerforschlichen Bereich der Prädestination (WB 3,2+A1; 3,3+A1). Dies bedeutet jedoch nicht,
daß der Mensch willenlos das ausführen würde, was über sein Leben beschlossen ist. Gott übergeht
den menschlichen Willen nicht, vielmehr treibt er diesen zur Entfaltung, sei es, daß er, durch die Erneuerung
in Christus, zum Guten oder, gottentfremdet, zum Bösen bewegt wird. Beide, der Gerechtfertigte und der Gottlose,
werden durch Gottes Kraft gedrängt, das willentlich zu tun, was in ihnen liegt.
(b) Luther versucht diesen Tatbestand folgendermaßen zu beschreiben: "Wenn Gott in den Bösen und durch die Bösen wirkt, geschieht zwar Böses; wobei Gott dennoch nicht böse handeln kann, wenn er auch Böses durch Böse wirkt; denn er, der Gute, kann nicht böse handeln, und gebraucht dennoch Böse und Werkzeuge, welche seiner Macht, die sie mit sich reißt und sie treibt, nicht entgehen können. Der Fehler also liegt in den Werkzeugen, die Gott nicht müßig sein läßt, sodaß Böses geschieht eben unter Gottes Antrieb, nicht anders als wenn ein Zimmermann mit einem gezackten und gezahnten Beil schlecht schneidet. Daher geschieht es, daß der Gottlose immer nur irren und sündigen kann, weil die göttliche Macht ihn in seiner Tätigkeit nicht müßig sein läßt, indem sie ihn mit sich reißt, aber er muß wollen, begehren und so tun, wie er selbst ist" (aus: Vom unfreien Willen). Wird der Gottlose genötigt, die Frucht seines Handelns auszukosten, so gilt es für den Erlösten umso mehr, willentlich aus der Gnade Gottes zu leben: "Das nämlich behaupten wir fest und machen geltend, daß Gott, wenn er, abgesehen von der Gnade des Geistes, alles in allen wirkt, auch in den Gottlosen wirkt, weil er alles, was er allein geschaffen hat, auch allein bewegt, treibt und mitreißt durch die Bewegung seiner Allmacht; wobei der Gottlose Gott nicht entgehen kann noch seine Allmacht zu ändern vermag, sondern ihr folgen muß und gehorcht, ein jeder nach dem Maß seiner Kraft, die ihm von Gott gegeben ist; so wirkt alles, auch der Gottlose mit jenem zusammen. - Ferner, wo Gott durch den Geist der Gnade in jenen wirkt, die er gerecht gemacht hat, das ist in seinem Reich, treibt und bewegt er sie gleicherweise, und seitdem seine Erlösten eine neue Kreatur sind, folgen und wirken sie mit ihm zusammen oder werden vielmehr, wie Paulus sagt, getrieben" (aus: Vom unfreien Willen).
(c) Dem Vorwurf, Gott sei ungerecht (WB 3,3-A1b-c), wenn er nicht alle Menschen in seine Gnade einschließt, begegnet Luther mit den Worten: "Fragt irgend jemand, warum Gott mit der Wirksamkeit seiner Allmacht, durch die der Wille der Gottlosen bewegt wird, nicht aussetzt, sodaß der Wille fortfährt, böse zu sein und böser zu werden? Die Antwort lautet: Das ist -wünschen, daß Gott wegen der Gottlosen aufhöre, Gott zu sein (WB 3,2; 3,8), weil man wünscht, daß seine Kraft und Wirksamkeit aussetzt, nämlich daß er aufhöre, gut zu sein, damit jene nicht böser werden. Aber warum wandelt er nicht zugleich die bösen Willen, die er bewegt? Das gehört zu den Geheimnissen der Majestät, wo seine Urteile unbegreiflich sind (WB 2,1-2; 3,2; 3,8). Und es ist nicht unsere Sache, dies zu erforschen, sondern diese Geheimnisse anzubeten.
Wenn nun Fleisch und Blut hieran Anstoß nehmen und murren, mögen sie meinetwegen murren, sie werden nichts zuwege bringen, Gott wird sich darum nicht ändern. Und wenn auch noch so viele Gottlose sich daran stoßen und abfallen, so werden die Erwählten dennoch daran festhalten. Dasselbe wird denen gesagt werden, die fragen: Warum hat Gott Adam lassen fallen, und warum schafft er uns alle mit derselben Sünde (WB 6,3) befleckt, obwohl er jenen hätte bewahren und uns aus etwas anderem oder so hätte schaffen können, daß zuvor der Same gereinigt war? Er ist Gott, für dessen Wille weder Ursache noch Grund Geltung haben die ihm als Regel oder Maß vorgeschrieben werden könnten, da ihm nichts gleich oder über ihm ist, sondern eben sein Wille ist die Regel für alles. Wenn nämlich für seinen Willen irgendeine Regel oder Maß oder Ursache oder Grund Geltung hätte, könnte er nicht mehr Wille Gottes sein. Denn nicht deshalb, weil er so wollen muß oder gemußt hat, ist das, was er will, recht, sondern im Gegenteil, weil er selbst es will, deswegen muß es recht sein. was geschieht. Dem Willen des Geschöpfes wird Ursache und Grund vorgeschrieben, aber nicht dem Willen des Schöpfers" (aus: Vom unfreien Willen).
(d) Das Wissen, daß Gott in seiner unergründbaren Prädestination auch seine Gnade vorenthält leitet uns zu einem heilsamen Erschrecken vor der Heiligkeit und Majestät Gottes, nicht jedoch in die Verzweiflung, von Gott aufgegeben worden zu sein. Solches Erschrecken bewirkt der Heilige Geist, um uns zu veranlassen, daß wir umso fester und zuversichtlicher die Heilsverheißungen in Christus ergreifen (WB 10,2+A1a; 11,2; 12; 14,2; 15,2.6; 18,1-2; 19,6; 20,1) - oder aber den Stand unserer Verlorenheit erkennen, wenn unser Glaube nicht in Christus allein ruht. Deshalb stellt alle momentane Verzweiflung einen Lichtblick Gottes dar, der uns in der eigenen Finsternis den Weg zur Pforte des Heils ausleuchtet. In diesem Zusammenhang berichtet Luther aus seinem Leben: "Ich selbst habe mehr als einmal daran Anstoß genommen, und zwar bis an den Abgrund und die Hölle der Verzweiflung, daß ich wünschte, niemals als Mensch geschaffen zu sein, ehe ich wußte, wie heilsam jene Verzweiflung sei und wie nahe die Gnade" (aus: Vom unfreien Willen). Schon in seiner ersten reformatorischen Veröffentlichung, den "95 Thesen", spricht Luther davon: "Der Mensch muß zuerst schreien, es sei nichts Heiles an ihm... In solcher Verwirrung beginnt die Erlösung. Wenn ein Mensch glaubt, er sei völlig verloren, so beginnt das Licht zu leuchten. - Friede kommt durch das Wort von Christus im Glauben."
(e) Für die Gemeinde Gottes bedeutet das Wissen, daß Gott selbst die Bösen durch seine mächtige Hand bewegt, nicht geringen Trost. Denn diese Erkenntnis stärkt ihr Vertrauen, in Gottes Allmacht geborgen zu sein. Es wendet ihren Blick ab von allen Nöten, die sie bedrängen, und macht ihren Blick frei, allein mit dem zu rechnen, der sie vor Grundlegung der Welt geliebt und beim Namen gerufen hat. Deshalb kann keine Nachstellung des Bösen die Zuversicht und Freude in Christus trüben - selbst in der Zeit vor der unmittelbaren Wiederkunft des HERRN nicht, wenn das apokalyptische Chaos die Welt in den Abgrund zu reißen beginnt. Sagt nicht Jesus dem alle Gewalt über Himmel und Erde gegeben ist - selbst: Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, so richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung naht?