Da Gott über Raum und Zeit steht, sind für ihn Vergangenheit und Zukunft gegenwärtig. Aus dieser
Perspektive heraus greift Gott in das Weltgeschehen ein (WB 5,2-3). ln diesem Zusammenhang grenzt sich das Westminster
Bekenntnis gegen die Auffassung ab, als ob Prädestination nichts anderes als die Vorschau und Anordnung zukünftiger
Ereignisse wäre. Dies wäre zwar für den menschlichen Verstand einigermaßen faßbar, scheitert
jedoch an der unergründbaren Gottheit Gottes (WB 2,1-2): sein unendliches Wesen und der zeitlos in der Ewigkeit
gefaßte, verborgene Ratschluß entzieht sich der Verstandeskraft des Menschen.
(a) Die "doppelte Prädestination" (Vorherbestimmung zum ewigen Leben oder ewigen Tod) weist auf
den verborgenen Ratschluß Gottes hin, der hinter das offenbarte Heilsangebot Christi zurücktritt. Weder
die missionarische Verkündigung, noch der persönliche Glaube kann sich an dem Verborgenen orientieren;
es wäre eine Existenz der Angst, Haltlosigkeit und Verzweiflung. Vielmehr soll dem Evangelium Jesu Christi,
als Verkörperung des offenbarten Ratschlusses, vertraut werden. Um uns festen Halt zu geben, hat uns Gott
die Heilsverheißungen seines Wortes offenbart. Diese sollen ergriffen und als Frohbotschaft allen Menschen
verkündigt, die unverdienbare göttliche Gnade nahegebracht, Trost und felsenfeste Hoffnung vermittelt
werden. Wird dieses frohmachende Evangelium verkündigt und das angebotene Heil in Christus ergriffen, dann
erweist sich der Zuspruch "vor Grundlegung der Welt erwählt worden zu sein", als Quelle unversiegbarer
Zuversicht und unfaßbarer Freude (WB 3,8; 17,1-2; 33,3).
(b) Doch was die einen zur Liebe und Anbetung Gottes drängt, läßt andere, die die Erbsünde (WB 5,6-A1; 9,3+A1; 9,5; 16,7) verwerfen, auf ihre menschlichen Tugenden, ihre Gerechtigkeit, frommen Werke oder den "freien" Willen (WB 16,7) pochen, in Anklagen gegen Gott geraten. Allen Beschuldigungen hält die Heilige Schrift entgegen: Gott erwählt sich souverän sein Volk aus dem Menschengeschlecht und befähigt es durch seinen Heiligen Geist, nach Gott zu fragen, Christus zu erkennen zu lieben, ihm zu dienen und aus der empfangenen Vergebung heraus zu leben (WB 3,5; 7,1; 9,4; 10; 11,3; 16,3.6+A1; 17,2; 26,1; 33,2). All das geschieht nicht durch die Willenskraft des Menschen, der durch den Sündenfall nicht mehr fähig ist, aus eigener Kraft Gott wahrhaft zu erkennen; vielmehr ist der scheinbar entscheidungsfreie Mensch ohne Gott an seine eigene Bosheit gefesselt (über die Gott am Jüngsten Tag ein gerechtes Urteil sprechen wird), oder er wird durch das Wirken des Heiligen Geistes zur Nachfolge Christi befreit (was ganz und gar geschenkweise, unverdient und ohne menschliche Vorleistungen geschieht).
(c) Diesem Bekenntnis zur Souveränität und Majestät Gottes wurde zu allen Zeiten lebhaft widersprochen, was Paulus, Augustinus, Luther (gegen Erasmus), Calvin, die Synode von Dordrecht (1618-19, gegen Arminius) und viele andere nicht hinderte, die biblische Offenbarung gegen alle humanistische Infragestellung aufrecht zu erhalten.
(d) Die Heilige Schrift konfrontiert uns mit zwei "paradox" wirkenden Grundaussagen: Die eine verweist auf Gottes universales Heilsangebot, die andere auf seine selektive Gnadenwahl. Hier das Heilsangebot für alle, dort die vorausgehend festgelegte Auswahl von wenigen. Was rational so unvereinbar zu sein scheint, spielt sich auf zwei verschiedenen Ebenen ab: auf der des ewigen, allmächtigen, in seinen Willensentscheidungen völlig freien, absolut gerechten Gottes - und jener des gefallenen, durch Raum und Zeit begrenzten Menschen. Das Westminster Bekenntnis bezeichnet die Ebene Gottes als "Erstursache" aller Dinge und stellt die Ebene des Menschen in den Rahmen der "Zweitursachen" (WB 5,2+A1).
(e) Der Wille Gottes - die doppelte Prädestination - vollzieht sich nun in der Perspektive des Menschen im Rahmen verschiedener Ereignisse, die wir den Umständen entsprechend als "notwendig (zwangsläufige Abfolge, Reaktionen usw.), freiwillig (durch unsere Willenskraft) oder zufällig" erleben (WB 5,2+A1; 15,2; 16,3; 17,3; 18,3).
(f) Hier, im Rahmen der Zweitursachen, werden wir mit dem Wort Gottes konfrontiert und in die
Heilsgeschichte Gottes einbezogen:
Wir ergreifen (oder verwerfen) freiwillig die Verantwortung (WB 10,1; 14,2). die wir vor Gott tragen. Wir empfangen
Beauftragung, vernehmen den Appell an unseren Willen. Auf dieser Ebene werden wir vor Gott in die Entscheidung
gestellt und rufen "an Christi Statt" jeden Menschen in die Entscheidung, zur Umkehr (WB 15; 11,5; 3,8;
12; 14,3; 18,1) auf. Dieser Ruf erfolgt nicht einmalig im Leben eines Christen; vielmehr findet er sich in einen
fortschreitenden Heiligungsprozeß hineingestellt und lebt aus stets neuer Umkehr und Bindung an das Wort
Gottes.
Hier erfahren wir die Versiegelung mit dem Heiligen Geist durch den Glauben und die Gewißheit (WB 18,1-4)
unseres Heils.
Hier formt sich unsere Hingabe, tätige Nächstenliebe, unser missionarischer Einsatz und heißes
Gebet für die Gemeinde Jesu und eine gottentfremdete Welt. Hier ringen wir um jeden einzelnen, um die evangelistische
Durchdringung unseres Landes, um die Heiligkeit der Gemeinde Jesu, um die Reinerhaltung biblischer Lehrwahrheiten
- als ob alles an uns läge.
Bei all unserem Bemühen, für das uns Gott am Jüngsten Tag zur Rechenschaft ziehen wird, wissen wir,
daß wir unser Leben - inmitten von Freude, Leid, Anfeindungen und Versagen - aus der Vorherbestimmung und
Kraftwirkung des lebendigen Gottes führen können. Wir sind grundsätzlich Beauftragte und Befähigte
der göttlichen Majestät und deshalb auch völlig geborgen in Gottes Ewigkeit, der alle Zweitursachen
nach dem "Geheimnis seines Willens" aus der Erstursache entspringen laßt.