Artikel 8: Eschatologie, Dispensationalismus, Millenium
8.1 Kein "Tausendjähriges Reich"
zwischen der Wiederkunft und dem Jüngsten Tag
Die Auferstehung des Leibes
(Verwandlung) und das Gericht Gottes (Jüngster Tag) werden hier nach der Darstellung des Herrn in den Evangelien
als ein Einheit verstanden. Die Heilige Schrift spricht von zwei verschiedenen Arten der Auferstehung (bzw. des
Todes als Ausduck der Trennung von Gott): die "erste" ist die Gemeinschaft der Erlösten mit Christus
nach ihrem Tod, die "zweite" ist die Auferstehung des Leibes zum Gericht (sowohl der Erlösten als
auch der Gottlosen) . Zahlreiche, jedoch meist nur teilweise am reformatorischen Schriftverständnis orientierte
Ausleger sind der Meinung, daß unmittelbar vor der Auferstehung des Leibes zum Gericht, eine bestimmte, nach
Gottes Ratschluß festgelegte Zeitphase zu erwarten wäre . Darunter verstehen sie ein theokratisches
Friedensreich am Ende der Zeit ("tausendjähriges Reich"), durch das die Heilsgeschichte dieser Welt
ihren Abschluß fände. In dieser Phase würde das verstockte, aber "nicht verworfene" Judentum
mit der Verkündigung des Evangeliums an die Völker beauftragt werden, nachdem es selbst Christus als
den wahren Messias erkant habe.
8.2 Wir leben seit dem Keuzestod
Christi im "Tausendjährigen Reich"
Aus dieser Sicht heraus wird
übersehen:
(a) Jene an der Endzeit orientierten prophetischen Schriftstellen finden in der Offenbarung Christi und des Neuen
Bundes (ntl. Gemeinde) ihre geistliche Wesensmitte und
(b) darin ihre geschichtliche Erfüllung.
(c) Der Herr selbst hat angekündigt, daß unmittelbar nach den Wehen der Endzeit (euthéos = sofort,
sogleich) die Wiederkunft Christi und das Gericht erfolgen würden; deshalb werden wir ermahnt, darauf bedacht
zu sein, daß uns "der Tag" nicht wie ein Dieb überrasche . Dieser Hinweis Christi knüpft
unmittelbar an die Schilderung vom Weltgericht in der Offenbarung des Johannes an und läßt keine Zeitspanne
weitere tausend Jahre zu.
(d) Es beruht auf einem Mißverständnis, wenn vor einem vermuteten "Anbruch des tausendjährigen
Reiches" die Bekehrung des ganzen Volkes Israel erwartet wird . Die Schrift spricht nicht von einer erneuten
Heilswende zurück zum Alten Bund (tausendjährige Theokraktie, Wiederaufnahme des Tempeldienstes usw.),
sondern davon, daß Gott aus der Summe des verstockten jüdischen Volkes fortwährend einen Rest bekehrt
, bis alle Juden seiner Gnadenwahl ("ganz Israel") wie auch alle auserwählten Heiden ("die
Fülle der Heiden") gesammelt sind.
(e) Ein politisches Friedensreich auf Erden kann es auf Grund der sündhaften menschlichen Natur nicht geben
(WB 6,4-6; 9,3; 23,2-A1b), deshalb muß das "Gebunden-Sein Satans" bildhaft verstanden werden, indem
es den Sieg Christi am Kreuz und die heiligenden Kraft seines Geistes veranschaulicht .
8.3 Keine spekulative Endzeittheologie
Über die eschatologischen
(die letzten Dinge betreffenden) Aussagen urteilt die Schrift, daß deren Verständnis gegen das Ende
der Zeit zunehmen wird - sofern es sich um eine Verknüpfung von Prophe-tie und jeweils zeitgeschichtlichen
Ereignissen handelt (WB 25,6+A1). Die endzeitliche Prophetie läßt in diesem Rahmen keine Schlußfolgerungen
zu, die über das Heilswerk Christi, seine neutestamentliche Gemeinde, seine Wiederkunft, das kommende Gericht
und die Neuschöpfung des Himmels und der Erde hinausgehen. Wird diese Grenzziehung nicht anerkannt, so gerät
die Gemeinde Jesu in den Einfluß willkürlicher Schriftauslegung und wird ihrer eigenen Verheißung
als neutestamentliches Israel (WB 7,6; 11,6; 21,3+A1b-c; 28,4+A2a) beraubt. Die Kirchengeschichte belegt eindrücklich
die Folgen, die sich aus einer Überschreitung der biblischen Rahmenbedingungen ergaben: mordende Kreuzzüge,
schreckliche Auswüchse während der Reformationszeit (militantes Täufertum) sowie zahlreiche spekulative
Theorien und Sektenbildungen.