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Das Leben ist für mich… Schriftlesung: Philipper 1,1-26 und 3,1-11
Predigttext:
Philipper 1,21a Liebe Brüder und Schwestern in unserem Herrn Jesus Christus, stell dir vor, man macht eine Umfrage und man bittet dich, diesen Satz zu vervollständigen: „Das Leben ist für mich …“ Wie ginge der Satz für dich weiter? Das Leben ist für mich ... Spaß haben, mich entfalten, Gott und den Nächsten dienen? Oder vielleicht: mich plagen oder Schmerzen leiden? Wer aber würde sich da einfallen lassen, einen Personennamen auszufüllen, etwa wie folgt: Das Leben ist für mich ... Jürgen oder Annika? Keiner, vermute ich, denn das hört sich merkwürdig an. Auch ein bisschen übertrieben. Denn wie sehr man auch einen liebt, das Leben hängt ja nicht von ihm ab. Deshalb ist es so auffallend was Paulus hier schreibt in Philipper 1,21a. Das Leben ist für mich Christus. Was meint er damit? Darum geht es in meiner Predigt. Als Paulus diesen Brief schrieb, saß er im Gefängnis. Wir wissen nicht genau wo. Höchstwahrscheinlich war es Cäsarea. Dort wurde Paulus im Jahre 58-59 n. Chr. vom Statthalter Felix eingesperrt. Vom Gefängnis aus schreibt Paulus an die Gemeinde der Philipper, die er während seiner zweiten Sendungsreise gegründet hatte. Aus menschlicher Sicht war die Lage für Paulus sehr unsicher. Würde er noch einmal freikommen? Würde sein Wunsch erfüllt werden vor dem Kaiser zu stehen? Oder würden die Juden ihn vorher ergreifen? Man spürt aber, dass Paulus sich darüber keine Gedanken macht. Für ihn zählt nur eins: das Evangelium von Jesus Christus zu predigen. Das hilft Paulus vieles zu relativieren und seine Freude zu behalten, denn was auch immer passiere, ob er im Leben bleibe oder nicht, Christus bekommt sowieso die Ehre, denn (und dann kommt diese auffallende Aussage): „Das Leben ist für mich Christus.“ Ja, ich weiß, damit ist dieser Satz nicht zu Ende. Paulus sagt noch etwas dazu: Sterben ist für mich Gewinn. Auch diese Aussage ist sehr besonders, denn sagen wir ihm das ohne weiteres nach? Mehr darüber später. Zentral in dieser Predigt steht die erste Aussage: Das Leben ist für mich Christus. Was meint Paulus damit? Unheimlich viel, denke ich. Aber sicherlich ist der Kern der, dass Jesus Christus in seinem Leben zentral steht. Der bekannte deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines Widerstands gegen Hitler von den Nazis ermordet wurde, sagte es so: “Christus steht immer in der Mitte.” Er sagte sogar, es sei das Wesen Jesu, immer in der Mitte zu stehen, im Leben der Gläubigen. Was das heißt, wird vielleicht noch am besten deutlich, wenn man sich das buchstäblich als eine gerade Linie zwischen zwei Punkten vorstellt, wobei Christus zwischen den zwei Punkten steht. Einer der zwei Punkte bin ich selber, der andere ist jemand oder etwas anderes in meinem Leben. Weil Christus in der Mitte steht, habe ich deshalb kein unmittelbares Verhältnis mehr mit dem anderen Punkt. Das Verhältnis ist immer mittelbar, indirekt. Das bedeutet also, dass ich kein unmittelbares Verhältnis mit meiner Frau habe, auch nicht mit meiner Gemeinde, mit meiner Arbeit, mit meinen Hobbys, mit der Gesellschaft. Mit nichts oder niemandem. Denn Christus steht immer in der Mitte. Nur mit ihm habe ich ein unmittelbares Verhältnis. Möchte ich auf der Linie meines Lebens vom einen zum anderen Punkt, dann muss ich immer an Christus vorbei. Und dabei ist er kein Hindernis, denn von ihm bekomme ich die klare Sicht, die echte Liebe und genügend Kraft, um mich mit dem anderen Punkt (Person oder Situation) auseinander zu setzen. Ist das nicht auch das große Wunder von Ostern? Dass der Herr Jesus gerade wie er damals plötzlich in der Mitte seiner Jünger stand, auch jetzt in der Mitte unseres Lebens steht als Herr und Meister und nie wieder weggeht? Ist das nicht auch das, was mit Paulus geschah, als er damals auf dem Weg nach Damaskus auf Jesus Christus stieß, und entdeckte, dass fortan alles in seinem Leben sich um Christus drehen würde? Das ist was Paulus meint, wenn er sagt Für mich ist das Leben Christus. An vielen anderen Stellen in seinen Briefen schreibt er ähnliches, so wie in Kapitel drei (wir haben es gelesen; 3,7-10): „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi Willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden.“ Und im Brief an die Galater (2,20) schreibt er: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Das ist das große Ziel von Ostern, dass ich nicht mehr selber lebe, sondern dass Jesus Christus als Herr und Meister in mir lebt in dem Sinne, dass er immer in der Mitte steht. Ich möchte das jetzt ein bisschen konkreter ausarbeiten, insbesondere was das Denken, Tun und Sprechen angeht. Zuerst das Denken. Wenn das Leben für mich Christus ist, dann bedeutet das, dass ich ihm meinen Verstand unterwerfe, dass ich sein Schüler, sein Jünger sein will, weil er mein unfehlbarer Lehrer ist. Denn er ist Gott in eigener Person. Auch als Mensch ist Jesus voller Wahrheit, denn er wird völlig beherrscht vom Heiligen Geist. Wenn er also in der Mitte meines Lebens steht, kann ich mich nicht mehr auf die Worte meiner Frau oder Opas, oder des Papstes verlassen, sondern darf ich mich nur auf die Worte Christi verlassen. Weil er in der Mitte steht, muss ich in all meinem Denken an ihm vorbei, und frage ich ihn durch Gebet und Lesen in der Bibel: „Herr Jesus, was hältst du davon?“, „Wie beurteilst du diese Sache, diese Person, diese Situation? (Wat would Jesus think?) Wenn ich wirklich sein Jünger sein möchte, kann ich eben auf seine Meinung nicht verzichten. Das hat wichtige und praktische Folgen. Zum Beispiel wenn es sich um die Bibel handelt. Wenn Jesus in der Mitte meines Lebens steht, habe ich natürlich nicht plötzlich alle Antworten auf alle wissenschaftlichen Fragen über die Bibel. Aber es bedeutet jedenfalls, dass ich, wenn Jesus sagt, dass die Schrift nicht gebrochen werden kann, ich mich darauf immer verlassen kann. Das heißt, dass ich die Schrift in Ehre halte, weil Jesus dasselbe tut. Dazu muss ich ihm also meinen Verstand unterwerfen, und nicht dem Zweifel. Viele Leute, auch Gläubige, erfahren Zweifel über die Frage ob Adam und Eva historische Menschen waren und ob der Sündenfall ein historisches Ereignis war. Bei solchen Fragen darf ich mich auf die Meinung von Jesus selbst verlassen. Für ihn war es klar, dass Adam und Eva konkrete historische Menschen waren. Dann soll das auch für mich genügen. Dasselbe trifft auf die Existenz der Hölle zu. Diese wird von vielen (auch Christen) bezweifelt oder sogar verneint. Zum Teil ist das auch verständlich, zum Beispiel wenn man immer mit der Hölle beängstigt worden ist. Aber wie falsch auch immer über die Hölle gesprochen worden ist, wenn man ein Jünger von Jesus sein möchte, kann man der Existenz der Hölle wirklich nicht ausweichen, denn niemand weiß besser, was die Liebe Gottes bedeutet als Jesus und gerade er spricht öfter und ernsthafter über die Hölle als alle anderen. Wenn das Leben für mich Christus ist, steht er in der Mitte als mein lebendiger Lehrer, und soll ich mein Denken ihm unterwerfen. Wenn Christus in der Mitte steht, hat das auch Folgen für mein Tun, für die Ethik. Dann ist er mein großes Idol. Christus ist das Bild Gottes, aber er ist auch der zweite Adam, der Mustermensch, Gottes lebendige Illustration, wie man als Mensch leben soll in einer sündhaften Welt. Wenn ich ihm also nachfolgen möchte, muss ich ihn fragen: „Herr Jesus was würdest du in dieser Situation tun? Zeige mir was ich tun soll”. (Wat would Jesus do?) Wenn man darüber nachdenkt, dann begreift man, dass die Folgen sehr konfrontierend sind, denn es ist klar, dass Jesus immer durch die radikalste Liebe getrieben wurde, die es je gegeben hat. Seine Liebe zu Gott und Menschen war so radikal dass er für viele Zeitgenossen ein richtiger Querschiesser war. Wie unschuldig Jesus auch war, und wie unberechtigt es auch war, dass er verurteilt wurde, in gewissem Sinne wurde das Kreuz Golgatha für ihn unvermeidlich. Denn genau wie die Propheten des Alten Testamentes, nahm auch er kein Blatt vor den Mund, und stieß viele vor den Kopf, wegen ihrer Heuchelei, ihrer Irrlehre oder ihrer Ungerechtigkeit. Er brachte vor allem die jüdische Obrigkeit in Wut. Allein dadurch, dass er mit den falschen Leuten umging, mit verhassten Zöllnern und dreckigen Huren. Jesus trat für sie ein, riskierte für sie Kopf und Kragen. Wenn also das Leben für mich Christus ist und er in der Mitte steht, dann soll ich dasselbe tun. Dann darf ich dem Pöbel nicht aus dem Weg gehen, auch wenn es Hass, Spott und Dämonisierung hervorruft. Wir haben alle die sündhafte Neigung, uns ruhig zu halten. Aber das dürfen wir als Christen und als Gemeinde Christi nicht, denn Jesus Christus tat es auch nicht. Traust du dich wirklich, Kopf und Kragen zu riskieren, wie Jesus? Das schwierigste habe ich noch nicht erwähnt. Denn Jesus hat sich nicht gegen die aggressiven Folgen die sein unkonventionelles Verhalten hervorrief verteidigt. Das wäre für ihn natürlich sehr einfach gewesen. Mit nur einem Fingerschnippen hätte er seine himmlische Wehrmacht zu Hilfe rufen können, aber er hat darauf verzichtet. Er hat keinen Finger gerührt. Wie ein stummes Schaf ließ er sich zur Schlacht führen. Nichts ist so schwierig, wie Jesus in diesem Verzichten auf Verteidigung und Rache nachzufolgen. Unrecht erleiden in aller Stille, den Nächsten lieben in aller Treue, dabei sich selber verleugnen und Gott die Rache überlassen, das ist wirklich schwierig. Es ist aber der Weg, den Jesus uns zeigt, auf dem man bereit ist, zu verzichten auf das Recht, verurteilt und verflucht zu werden. Denn der Knecht ist nicht größer als sein Herr (Joh 13,16) Hältst du das für attraktiv? Aber wenn das Leben für mich Christus ist, dann will ich ihm gerne nachfolgen, auch auf diesem schwierigen Weg. Wenn Jesus für mich das Leben ist, dann steht er auch in der Mitte, wenn es sich um das Sprechen handelt. Dann frage ich ihn: “Herr Jesus, bitte zeige mir was ich sagen soll.“ (What would Jesus say?) Jesus hat natürlich unheimlich viel während seines Lebens hier auf der Erde gesagt. Was aber am meisten auffällt ist, dass er so viel über sich selbst geredet hat. Er hat sich selbst gepredigt. Zum Beispiel in seinen “Ich bin”-Aussagen. „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin die Tür der Schafe“, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, usw., usw. Wenn das alles nicht wahr wäre, würde man denken, Jesus wäre megaloman. Aber es ist wahr. Er ist der Herr. Er ist der Messias. Er ist der Sohn Gottes. Das bedeutet, dass wenn Jesus in der Mitte meines Lebens steht, ich vor allem ihn nicht verschweigen darf, sondern dass ich die gute Nachricht über ihn weitergeben soll. Das war es ja auch, was Paulus wollte. Das war seine große Leidenschaft: Christus ehren und ihn bekannt machen. Deshalb war er ein zufriedener Mensch trotz seiner Gefangenschaft. Eben, gerade wegen dieser Gefangenschaft gab es viele Möglichkeiten das Evangelium zu verkündigen. Und wer es verkündigte war ihm völlig egal, solange es nur verkündigt wurde. Es gab Prediger, die ihre eigenen und eigenartigen Motive hatten. Aber es ist Paulus egal. Er weiß: Gott wird jeden beurteilen wegen seiner Motive. Die Hauptsache ist: Christus wird verkündigt als Gekreuzigter und Auferstandener. Paulus wollte sich da nicht hineinmischen. Bedeutet das, dass Paulus die Lehre oder die Theologie relativiert? Nein, überhaupt nicht. Denn im Galaterbrief schreibt er, dass jeder der ein anderes, ein falsches Evangelium verkündigt, verflucht ist. Ob man ein berühmter Neutestamentler ist, oder ein prominenter Bischof, wenn man die Auferstehung Jesu leugnet oder die Notwendigkeit der Wiedergeburt, dann ist man verflucht. Auch ich, Pfarrer Paul Waterval, bin verflucht, wenn ich ein anderes Evangelium predige, als zu dem ich berufen worden bin. Man kann nicht sagen: die Theologie ist relativ, es handelt sich nicht um die Lehre, sondern nur um den Herrn. Nein, denn es ist besser, die gute Botschaft zu verkündigen mit einem falschen Motiv, als die falsche Botschaft mit einem guten Motiv. Christus soll verkündigt werden. Darum: wenn Christus mein Leben ist, dann steht er auch in der Mitte, wenn es sich um mein Sprechen handelt. Schließlich: wenn das Leben für mich Christus ist, dann ist auch das Sterben für mich Gewinn. Und auch das ist sehr besonders, wenn man das sagen kann. Paulus meinte es wirklich. Er hatte eine starke Sehnsucht, das Leben zu verlassen. Warum? Weil er lebensmüde war? Nein, Paulus hatte gelernt in allen Umständen zufrieden zu sein. Nein, er hatte diese Sehnsucht wegen Christus. Von Natur aus fürchten wir uns vor dem Tod, weil er uns von denen trennt, die wir lieben. Das ändert sich aber, wenn Christus derjenige ist den wir lieben über alles und alle. Und das war bei Paulus der Fall. Christus stand in der Mitte seines Lebens, zwischen Paulus und dem Tod. Damit war der Tod keine direkte Bedrohung mehr für ihn. Seit der Auferstehung Jesu kann der Tod uns nicht mehr von ihm trennen. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Christus trennt uns definitiv vom Tod. Unser Sterben führt uns zu ihm, für immer, damit wir ihn endlich sehen können, ihn ewig anbeten und ihm vollkommen dienen können. Aber den Anfang davon dürfen wir hier schon erfahren. Bitte lass das Evangelium auch dein Leben ändern, damit auch du sagen kannst: „Für mich ist das Leben Christus.” Amen Bregenz, am 8.10.2006 |