Die Merkmale der Kirche

 

Im Apostolischen und Nizänischen Glaubensbekenntnis heißt es: “Ich glaube die eine, heilige, allgemeine und apostolische (oder christliche) Kirche”. Damit sind vier Merkmale der Kirche angesprochen. Sie bezeichnen das Wesen der Kirche, wie Christus sie angelegt hat und wie sie sein soll. Leider widerspricht die kirchliche Wirklichkeit diesen Merkmalen oft. Deshalb muss sie sich immer wieder an diesen Maßstäben messen lassen. Die Kirche hat die Pflicht, dem in diesen Merkmalen Gesagten nach zu streben.

 

 

a) Einheit

 

Weil die Christen an den einen Herrn glauben, ist die Kirche ihrem Wesen nach eins. Deshalb gehört die Einheit der Kirche zu den fundamentalen Glaubensaussagen des orthodoxen Christen. Johannes 10:16: Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Römer 12:5: so sind wir viele ein Leib in Christus. Epheser 4:5: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Aus diesen Versen ergibt sich, dass die Bibel die Kirche als Einheit darstellt. Diese Einheit liegt in der Einzigkeit des Messias, der Einheit des Glaubens und der Einheit der Gläubigen mit Ihm, wie auch in der Einheit und Totalität des christlichen Lebens. Diese Einzigkeit und Einheit ist das erste wesentliche Merkmal der Kirche.

 

Diese Einheit kann auch nicht durch sektiererische Abspaltungen oder durch Häretiker zerstört werden, denn Paulus wirft den Korinthern vor: Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? (1 Kor.1:13). Die Tatsache, dass einzelne Glieder der Kirche nicht dasselbe Wissen oder dieselbe Glaubenserfahrung haben, kann und darf der Einheit nicht schaden. Dennoch widerspricht die Spaltung in zahllose Konfessionen der Einheit. Die geistliche Einheit, die es durch die Trennungen hindurch gibt, drängt danach, auch sichtbare Gestalt anzunehmen. Das muss nicht unbedingt eine umfassende Organisation sein, wohl aber eine Gemeinschaft in der Verkündigung des Evangeliums, in den Sakramenten und dem Dienst der Kirche. Es ist Pflicht der Kirche, die Einheit zu bewahren. Das ist etwas anderes, als in eine geistliche Einheit zu flüchten, die unsichtbar ist. Dann sagt man: “Ach ja, was soll es, wir leben zwar getrennt, aber sind eigentlich doch eins.” Nein, es ist unsere Pflicht, tatsächlich sichtbare Einheit zu erreichen. Uneinigkeit ist Folge der Sünde, Mannigfaltigkeit nicht. Die wahre Einheit schließt also Unterschiede nicht aus. Um eins zu sein, braucht man sich also nicht immer in allem einig zu sein. Das Bekenntnis sagt: “Ich glaube die eine Kirche”, nicht “Ich sehe die eine Kirche”. Kirchliche Einheit ist Glaubenssache. Jesus sagt: und es wird eine Herde und ein Hirte werden (Joh.10:16). Der große Hirte wird die für jeden sichtbare vollkommene Einheit verwirklichen.

 

 

b) Heiligkeit

 

Heilig ist die Kirche nicht, weil ihre Glieder besonders hoch stehende Menschen sind, sondern weil Christus sie angenommen hat. Nach biblischer Auffassung ist alles heilig, was zu Gott gehört und von ihm und für ihn abgesondert ist. 2. Mose 19:6: Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Die Kirche ist also heilig, weil sie für Gott existiert. 1 Kor. 3:16: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Sie ist der Raum, in dem die Macht von Geist Christi herrscht in den Herzen der Menschen. Indem er sie annimmt, rechtfertigt und erneuert, schafft er die „Gemeinschaft der Heiligen“. Heiligkeit ist keine menschliche Eigenschaft. Die Kirche ist der Ort, wo die Springbrunnen der Vergebung sprudeln. Wo schuldige Menschen durch die Vergebung der Sünden heilig erklärt werden. Mit anderen Wörtern: die Kirche ist die Versammlung von Menschen, die ihr Heil von Christus erwarten. Man kann die Kirche mit einem Krankenhaus vergleichen. Die Kirche ist ein Krankenhaus für Sünder. Der Arzt (der Heiland) verspricht jedem Heilung, den er behandelt. Die Behandlung ist garantiert erfolgreich, aber dauert ein ganzes Leben lang. Erst auf der neuen Erde wird der Kranke völlig gesund sein.

 

In der Kirche wird also jeder heilig erklärt, der an Christus glaubt. Trotzdem ist die Heiligkeit auch Auftrag. Gott fordert sie mit Bezug auf seine eigenen Heiligkeit: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig. (1. Petr. 1:12) Obwohl die Kirche heilig ist und sein soll, kann ihre Heiligkeit nicht dadurch getrübt werden, dass unter ihren Gliedern Heuchler und Sünder sind. Wo Jesus über das Wesen seines Königreiches spricht, schließt er Spreu und Unkraut unter dem Weizen mit ein (Mat. 13:24). Nicht alle die Christus mit den Lippen ehren, ehren ihn auch mit ihren Herzen. Aber nur Christus kann vollkommen über Menschenherzen urteilen. Obwohl er seine Kirche drängt, die Sünder zu ermahnen und wenn nötig zu exkommunizieren, darf und kann Heiligkeit nie und nimmer mit Unterdrückung und Gewalt abgenötigt werden (Zach.4:6).

 

 

c) Katholizität

 

Das Wort „katholisch“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „auf das Ganze bezogen“. Es drückt erstens aus, dass die Kirche von allen Zeiten ist. Christus versammelt sich eine Gemeinde, vom Anfang der Welt bis ans Ende. Die Kirche überlebt alles und jeden. Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Katholisch ist auch „universal“, das heißt, dass sie über die ganze Welt verbreitet werden soll und ist. Christus versammelt sich eine Gemeinde aus dem ganzen Menschengeschlecht. Darum sagt er zu seinen Jüngern: Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker (Mat.28:19). Die Kirche überschreitet die Schranken von Nation, Rasse und Klasse. Die Kirche ist auch katholisch in dem Sinne, dass sie nicht an eine Kultur gebunden ist. Das Evangelium vermag in den verschiedensten Kulturen heimisch zu werden; denn es gilt allen Menschen. Schließlich bezeichnet katholisch, dass die Kirche nicht an bestimmte Personen wie Priester, Bischöfe, Päpste usw. gebunden ist. Die Kirche ist nur an den drei-einen Gott gebunden. Die Kirche Christi ist auch deshalb katholisch, weil sie in Christus als ihrem einzigen Herr eins ist. Katholizität und Einheit können nicht von einander getrennt werden. Katholizität ohne Einheit führt zur Sekte; Einheit ohne Katholizität wird sinnlos und leer.

 

Katholizität setzt nicht einfach einen Glauben voraus, sondern den allein wahren Glauben, also Orthodoxie. Die katholische Kirche muss daher orthodox sein; eine Kirche, die den wahren Glauben glaubt und lebt, und zwar den Glauben, gelehrt von Jesus Christus, ins Gedächtnis gerufen durch den Heiligen Geist und überliefert durch die Apostel.

 

Weil das Evangelium allen Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten gilt, kann und darf Katholizität als Merkmal nicht auf eine einzelne Konfession beschränkt werden. Auch reformierte und evangelische Christen bekennen, dass die Kirche katholisch sei. Weil dieses Wort aber im landläufigen Sprachgebrauch meist auf die römisch-katholische Kirche bezogen wird, übersetzen die reformierten und evangelischen Kirchen dieses Wort oft mit „allgemein“ oder „christlich“.

 

 

d) Apostolizität

 

Die Kirche ist apostolisch (das Apostolicum sagt hier „christlich“) weil sie erbaut ist auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist (Eph.2:20). Sie ist gegründet auf das Bekenntnis der Apostel „du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ (Mat.16:16). Die Apostel sind die zwölf Grundsteine der Mauer in der Stadt Gottes (Offb. 21:24). Sie sind die einzig zuverlässigen Ohren- und Augenzeugen der grundlegenden Arbeit Christi. Durch ihre Predigt haben sie sein Wort, die heilsame Lehre weiter gegeben und die Kirche gepflanzt (1 Kor.3:6). Eine Botschaft, die im Widerspruch mit der Apostolische Predigt steht, ist kein Evangelium (Gal.1:7). Darauf kann man nicht bauen.

 

Man kann auch sagen: die Kirche ist apostolisch, weil sie von Gott in die Welt gesandt ist, die Botschaft von Christus weiter zu tragen. Sie führt damit die Sendung der ersten Zeugen, der Apostel weiter. Apostolisch ist dann synonym mit missionarisch. Dabei hat die Kirche auf beides zu achten: dem ursprünglichen Zeugnis der Apostel treu zu sein und es zugleich unter den veränderten Umstände jeder Zeit neu, das heißt kontextuell, zu sagen.

 

 

Sichtbar oder unsichtbar?

 

Neben diesen vier Merkmalen, wird die Kirche auch oft mit den Adjektiven sichtbar und unsichtbar charakterisiert. Auf Grund der Bibel muss man sagen, dass die Kirche beides ist, sichtbar und unsichtbar. Sie ist unsichtbar insofern, als sie eins ist mit Christus und Träger der unsichtbaren, göttlichen Gnade, Gaben und Kräften. Wie Christus die Kirche sieht, ist sie für uns unsichtbar. Er kennt seine Auserwählten. Er verliert sie nie aus den Augen. Andererseits ist sie insofern sichtbar, als sie eine Gemeinschaft von Menschen ist, die denselben Glauben an Gott, den Vater von Jesus Christus bekennen. Zweifellos ist die Beziehung zwischen Kirche und Christus eine mystische und unsichtbare, aber es ist auch wahr, dass die Beziehung zwischen den Gläubigen und der Kirche eine sichtbare und nachvollziehbare ist. Ihre Sichtbarkeit zeigt sich im Glaubensbekenntnis, in der sichtbaren und tätigen Teilnahme am Gottesdienst, an den Sakramenten und in der Tätigkeit in Mission, Seelsorge und Diakonat.

 

Leider wird die Unsichtbarkeit der Kirche oft missbraucht. Denn viele Kirchen und Christen verstecken sich dahinter und beantworten den Auftrag, die Einheit der Kirche nach zu streben, mit Passivität. Man denkt: es mache nichts, aus wo man Mitglied ist, es kommt ja nur auf Glauben an. Dies ist eine gefährliche Theorie und widerspricht dem Gebet Jesu in Joh.17: damit sie alle eins seien. Vielleicht wäre es besser, den Begriff „unsichtbare Kirche“ überhaupt zu vermeiden, denn man kann höchstens sagen, dass die Kirche sichtbare und unsichtbare Seiten hat.

 

 

Fragen und Gesprächspunkte

 

1. Wenn Leute sagen: die Kirche habe sie enttäuscht, kann man antworten: “Sieh nicht auf die Menschen, sieh auf Christus.” Was hältst du von dieser Antwort?

2. Was ist für dich der wichtigste Grund, Mitglied deiner Gemeinde zu bleiben?

3. Wagst du es, dich selbst heilig zu nennen?

4. Ist der Begriff katholisch vertrauter als der Begriff reformiert?

5. Was macht das Anstreben der kirchlichen Einheit so schwer?

 

12. Oktober 2002