Was ist die Kirche

(Biblische Grundrisse)

 

“Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei” - so schrieb Martin Luther im Jahre 1537. “Ich wünschte, ich wäre dieses Kind”, meinte 1973 ein Professor für Biologie. Was Kirche ist, ist heute für viele offenbar nicht so klar. Für den einen ist Kirche „Heimat“, vertraute Geborgenheit, Wegweiserin, Ort des Zur-Ruhe-Kommens. Für den anderen ist sie selbstverständliche Gewohnheit, Begleiterin durch das Leben, Ort der Vergewisserung, Feierort für Höhepunkte des Lebens; für den dritten ist sie Stätte der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Reflexion, Quelle von Impulsen und von Aktivität. Für viele schließlich ist sie eine veraltete, verkrustete, sterbende Institution, mit der sich negative Erfahrungen verbinden. So ruft das Wort „Kirche“ auf der einen Seite Aggression hervor, auf der anderen Seite verbinden sich damit hohe, häufig unbewusste Erwartungen: “Die Kirche müsste eigentlich ...”

 

Ich glaube daher, dass eine kurze Begriffserklärung notwendig ist. Viele Leute denken beim Wort Kirche an ein Gebäude, an einen Verwaltungsapparat oder an kirchliche Behörden. Nach dem Neuen Testament ist die Kirche aber ganz einfach die Gemeinschaft von Menschen, die von Jesus Christus gesammelt und ergriffen sind und von ihm zusammengehalten werden. Sie treffen sich immer wieder, um die Gemeinschaft mit Christus und miteinander zu erfahren. Wenn eine Anzahl von Menschen zu regelmäßig wiederkehrenden Handlungen zusammenkommt, spricht die Soziologie bereits von einer primären Institution. Deshalb ist in diesem Sinne jede denkbare Form christlicher Gemeinde auch eine Institution. Wenn ich aber im Folgenden den Begriff „Kirche“ gebrauche, dann meine ich damit die konkrete Gemeinschaft der an Christus Glaubenden.

 

 

Das Wesen der Kirche

 

Um das Wesen der Kirche deutlich zu machen, verwendet das Neue Testament verschiedene, einander ergänzende Bilder, Begriffe und Namen. Zum Beispiel: Ackerfeld Gottes (1 Kor. 3,9), Tempel Gottes (1. Petr. 2,5; Eph. 2,21f.), Haus Gottes (1 Tim. 3,15), und Braut Christi (Offb. 19; Eph. 5,26). Unter ihnen nehmen aber drei eine besondere Stellung ein: die Kirche als Volk Gottes, die Kirche als Leib Christi und die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden.

 

 

a) Die Kirche als Volk Gottes

 

Wenn sich die Kirche als Volk Gottes versteht, bekennt sie sich zum Weg Gottes mit Israel, der bis zu Christus führte. Zwischen Israel und der Kirche gibt es sowohl einen Zusammenhang als auch einen Bruch.
Der Zusammenhang zeigt sich im Folgenden:

 

- Wie Israel als das auserwählte Volk das besondere Eigentum Gottes war, so ist auch die Kirche von Gott auserwählt und berufen. Petrus sagt in 1 Petr. 2,9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;

 

- Wie Israel, so ist auch die Kirche nicht um ihrer selbst willen erwählt. Sie ist ein Werkzeug Gottes, durch das er die ganze Menschheit zu sich ziehen will. Petrus sagt einen Vers weiter: dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Und Jesus sagt in Mat. 28,19: Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.

 

- Wie Israel, ist auch die die Kirche nicht entstanden durch den Zusammenschluss religiös Gleichgesinnter, sondern durch Gottes Berufung (1. Petr. 2,10: der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht)

Es gibt aber auch einen Bruch zwischen Israel und der Kirche:

 

- Während im alten Bund Gottes Volk nur aus Israel bestand, der biologischen Nachkommenschaft Abrahams, ist das neue Volk Gottes, die Kirche, eine Gemeinschaft aus Menschen aller Völker und Rassen. Als der gute Hirte sagt Jesus in Johannes 10,16: Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Offb. 7,9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen.

 

- In Israel durfte nur der Hohepriester sich ein Mal im Jahr für alle zu Gott nähern. In der Kirche aber haben alle Gläubige freien und direkten Zutritt zu Gott. Hebräer 10,19: Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

 

- In Israel wahren die Söhne Aarons verantwortlich für den Opferdienst. In der Kirche sind alle Glieder des Volkes Gottes, mit ihren verschiedenen Gaben und Ämtern tätig als Priester. In 1. Petrus 2,5 sagt der Apostel zu Heidenchristen: Erbaut euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

 

 

b) Die Kirche als Leib Christi

 

Das Neue Testament spricht von der Kirche nirgendwo als von eine Institution, aber umso mehr als von einem funktionierenden Organismus. Paulus sagt in Kolosser 1,18: Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Wenn der Apostel die Gemeinschaft der Christen einen Leib nennt, dann ist das nicht bloß ein Vergleich. Die Kirche ist wirklich der Leib Christi, denn die Christen stehen mit Christus in einer realen Lebensgemeinschaft, die durch Taufe und Abendmahl hergestellt wird. 1. Kor. 12,13: Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft. Und in 1. Kor. 10,16-17 heißt es: Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind. Weil alle im Abendmahl von dem Brot essen, das der Leib Christi ist, werden sie zum Leib Christi zusammengeschlossen. Dabei soll das Bild vom Leib beides ausdrücken: die Mannigfaltigkeit der Glieder und ihrer Aufgaben und zugleich die Einheit des gesamten Organismus. Römer 12,4-6 Denn gleicherweise wie wir an einem Leibe viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder einerlei Geschäft haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

 

„Leib Christi“ ist im Neuen Testament sowohl die einzelne Gemeinde als auch die gesamte Kirche; beide werden im ursprünglichen Griechisch mit demselben Wort „ekklesia“ bezeichnet. Jede Ortsgemeinde ist ganz Kirche, nicht nur ein Teil davon. Weil es derselbe Herr ist, der sich in jeder Gemeinde schenkt, deshalb stehen diese Gemeinden nicht unverbunden nebeneinander, sondern in Gemeinschaft miteinander.

 

 

c) Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden

 

Was die Kirche ist, entscheidet sich letztendlich daran, wer Christus ist. Jesus fragte seine Jünger einmal, für wen die Leute ihn hielten. Die Jünger berichteten ihm, dass die einen in ihm Johannes den Täufer sahen, andere einen neuen Elia (Mal. 4,5) oder einen anderen großen Propheten. Darauf fragte Jesus: Für wen haltet ihr mich denn? (Mat. 16,15). Da antwortete Simon Petrus und sprach: du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben, und alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein (Mat. 16,15-19).

 

Es gibt viele Meinungen über Jesus, z. B. die, dass er ein „guter Lehrer“ (Mk. 10,17) sei, aber auch das Urteil, er verführe das Volk (Joh. 7,12) und sei „ein Fresser und Weinsäufer”, „der Zöllner und der Sünder Geselle“ (Mat. 11,19). Aus dem Gewirr der Meinungen über Jesus hebt sich die Antwort der Jünger heraus, in deren Namen Petrus sagt: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn. Für die Jünger ist in Jesus das Reich Gottes herbeigekommen, Gottes eigenes Wort. Mit Jesus ist ihnen Gott selbst begegnet. Ihr Bekenntnis ist so zu sagen der Widerhall, den Jesus und seine Worte und Taten, in ihnen hervorruft. Im Bekenntnis antworten sie auf das, was sie von Jesus vernommen und mit ihm erfahren haben.

 

Was hier zwischen Jesus und den Jüngern geschieht, setzt sich in der Kirche fort: Das Wort des Evangeliums ruft den Glauben hervor, und der Glaube vertraut diesem Wort. Die Kirche sind diejenigen die an Christus und sein Wort glauben. Im Gegenüber des Dienstes der Verkündigung und der hörenden Gemeinde tritt das Wort Jesu in Erscheinung und prägt die Gestalt der Kirche. Die Kirche wird unaufhörlich vom Heiligen Geist erneuert, welcher den Glauben in denen wirkt, die das Evangelium hören, wo und wann Gott will. Dennoch hat sie einen durch die ganze Geschichte reichenden Zusammenhang, der alle Gläubigen verbindet mit den Aposteln und mit einander, vom Anfang an bis an das Ende der Welt. Das macht die Kirche zur Gemeinschaft der Gläubigen. Dieser Zusammenhang fordert nicht, dass alle Gläubigen in einer einzigen, uniformen Kirchenorganisation zusammengeschlossen sind. Er ist gegeben in der Verkündigung des Evangeliums, die von Petrus und den Aposteln als Antwort auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus begonnen wurde und durch das Predigtamt in der Kirchengeschichte weitergeführt wird. Und sie wird erfahren und verstärkt durch die Bedienung der Sakramente.

 

Was ist die Kirche? Ich hoffe dass wir es durch diese kurzen biblischen Grundrisse wieder etwas deutlicher sehen und uns darüber freuen, dass wir dazu gehören dürfen.

 

 

Fragen und Gesprächspunkte:

 

1. Welche der folgenden Worte beschreiben die Bedeutung der Kirche für dein Leben am besten?

wertvolle Ergänzung

notwendige Wegweiserin

drückende Gemeinschaft

Begleiterin durch das Leben

ungeordneter Haufen

gute Schule

Stätte der Begegnung

meine Familie

Ort des Zur-Ruhe-Kommens

Quelle von Impulsen

lustiger Verein

Feierort für Höhepunkte

interessante Organisation

unentbehrliche Gemeinschaft

dauerhafter Freundeskreis

Ort der Vergewisserung

2. Woran denkst du zuerst wenn du das Wort „Kirche“ hörst?

3. Könntest du dir ein Leben ohne Kirche denken?

4. Was macht die Kirche für dich so anders als andere Organisationen oder Vereine?

 

11. Oktober 2002