1 Das Wort „Elend“ wird bereits im deutschen Original des Heidelberger Katechismus vom 19. Januar 1563 verwendet und bei den meisten neueren Ausgaben des Bekenntnisses beibehalten. Es stammt von dem mittelhochdeutschen Wort „ellende“ in der Bedeutung von „außer Landes sein, verbannt, vertrieben“ und erfuhr daher die Bedeutungsentwicklung zu „unglücklich, jammervoll, hilflos“. Damit ist die „Hilflosigkeit“ des Menschen in seiner Verlorenheit angesprochen, was nach wie vor in dem Wort Elend (englische Ausgabe CRC „misery“) am deutlichsten zum Ausdruck kommt.

2 Ohne diese „Wiedergeburt“ kann niemand in das Reich Gottes kommen, sagt Jesus Christus, sie ist heilsnotwendig (Joh 3,3–8).Der Heilige Geist selbst erneuert den gefallenen, natürlichen Menschen, so dass dieser sich im Glauben Jesus Christus und seiner Botschaft öffnet, um ihm von Herzen zu dienen.

Man kann die Wiedergeburt aus der subjektiven Sichtweise, der menschlichen Erfahrung, und aus der objektiven, dem Handeln Gottes an uns, beschreiben: a) Die Perspektive der menschlichen Erfahrung beschreibt das Ereignis der Wiedergeburt als Resultat des Glaubens. Der Getaufte orientiert sich dabei nicht an bestimmten Gefühlen oder geistlichen Erfahrungen, sondern an den Verheißungen des Evangeliums, das untrennbar mit dem Aufruf zum Glauben verbunden ist (Röm 10,9–10 Hbr 11,1–2.6).Das veränderte Verhalten des Christen, seine wachsende Treue zum Wort Gottes und die offenkundige Bereitschaft, Christus aus Liebe zu gehorchen, lässt dann zurecht auf die vom Heiligen Geist bewirkte Wiedergeburt rückschließen. b) Aus der Perspektive des Handelns Gottes jedoch ist der Glaube das Resultat der Wiedergeburt, da der Heilige Geist den Menschen zum Glaubenbefähigt, ihm also das Vertrauen gegenüber dem Wort Gottes „von oben her“, mit seiner Kraft, erweckt (Joh 14, 16–17 Eph 1,3und 3,16) und ihm dadurch Vergebung und Heiligung als reine Gnadengabe von Christus zueignet (Eph 1,13–14 1. Ptr 1,23). Die daraus erwachsende Heilsgewißheit (Röm 5,1–2 1. Joh 5,13) gründet sich dann nicht im Nachweis „eigener Werke“, als ob ein Mensch durch den Versuch gerecht zu handeln vor dem Jüngsten Gericht bestehen könnte, sondern stützt sich – für den in allem sündigen Menschen – ganz und gar auf die unverdiente Gnade in Christus (Röm 3,22–24.28 4,5 Gal 2,16). So ist auch der Glaube nicht aus der Fähigkeit des Menschen entsprungen, sondern Gottes eigenes Werk (Eph 2,8-10). Der von Gottwiedergeborene Mensch wird seinen Blick deshalb nie von der Gnade, von Christus allein, abwenden und sich in Zeiten der Krise immer wieder neu an ihm allein ausrichten (Hbr 12,1–2), eben weil sein Heil von Gott beschlossen, in ihm begründet, von ihm selbst zugeeignet und für Zeit und Ewigkeit unverlierbar ist (siehe Westminster Bekenntnis, Artikel 10.1–3).

Die heilige Schrift bezeugt auch kein bestimmtes Schema für den Ablauf der Wiedergeburt, insbesondere nicht hinsichtlich des Zeitpunkts, wann Gott dieses heilsnotwendige geistliche Geheimnis in einem Menschen wirksam werden lässt. Der Heilige Geist lässt sich nicht vorschreiben, nach welchem Zeitplan oder methodischen Konzept er einen Menschen zu sich ziehen soll. Ebenso verwirft Gott die Vorstellung, dass die Wiedergeburt auf sakramentale Weise durch den Taufvollzug übermittelt werden könnte, so als ob Gott sich im Kernpunkt der Heilszueignung von kirchlichen Ritualen abhängig machen wollte. Der Heilige Geist weht vielmehr uneingeschränkt souverän „wann und wo ER will“ und entzieht sich prinzipiell dem menschlichen Zugriff.

Die Hinwendung zu Christus, die der Heilige Geist bewirkt, kann zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden oder sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Deshalb ist es schwer nachvollziehbar, wann sich Wiedergeburt genau ereignet hat. Im weiteren kann nicht jede entschiedene Umkehr zu Christus mit der heilsentscheidenden Wiedergeburt gleichgesetzt werden, weil der Betroffene etwa schon längst Eigentum von Christus ist. Bei den einen Kindern und Jugendlichen, die im Gnadenbund Gottes aufwachsen, kann der Lebensweg ohne krisenhaften Umbruch in der Kontinuität des Glaubens geborgen sein. Bei anderen können aber auch massive Zweifel, innere Kämpfe, Phasen der Gleichgültigkeit und Entfremdung von Gott den Glauben erschüttern, obwohl das Kind – trotz aller Krisen – aus der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist lebt, ohne dass sich Gottes heiligende Zuwendung zeitlich festlegen ließe (ähnlich wie bei Johannes dem Täufer, der bereits im Mutterleib vom Heiligen Geist erfüllt war; Luk 1.15.44.66.80). Unabhängig davon, wie ein Christ das Phänomen der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist erfährt, bleibt das eine heilsentscheidend: jeder, der sich als Christ versteht, muss in seinem Leben wirkliche Umkehr und Erneuerung erleben. Es stellt sich daher nicht die Frage, wie und wann Gott an uns handelt, sondern dass es es tut und im Sinn von Frage 21 des Heidelberger Katechismus „wahrer Glaube“ in unserem Leben bekenntnishaft zu erkennen sein muss (siehe auch Westminster Bekenntnis, Artikel 14.1–3 und 15,1–3).