7. Der Nutzen der Bekenntnisse

 

Nach Begründung der Praxis des Bekenntnisses und möglichen Einwänden kommen wir nun zum Nutzen. Also zur spannenden Frage: was bringt’s?

Hier muss man aufpassen. Wenn man den Nutzen irgendeiner Lehre oder Praxis mit seiner Begründung verwechselt, dann entpuppt man sich als Pragmatiker. Für einen Pragmatiker ist immer das gut begründet und richtig, was funktioniert, was nützlich ist.


So will ich nicht verstanden werden! Ich habe bewusst eine biblische Begründung für Bekenntnisse geliefert. Der Nutzen hier ist nun eher eine praktische Ermutigung zu einem bekennenden Christsein und einer bekennenden Gemeindepraxis – nicht ihre Begründung.

Fünf solche Nutzen möchte ich kurz nennen.

1. Ein Bekenntnis kann zu einem gesunden Dialog verhelfen

Einer meiner theologischen Lehrer hat einmal gesagt: „Ich habe den schleichenden Verdacht, dass der Schrei ‚Kein Bekenntnis außer der Bibel!’ in vielen Fällen eigentlich bedeutet, ‚Ich habe mein Bekenntnis, aber ich verrate dir nicht, was es ist, damit du es nicht erfährst und mich dann auch nicht dafür kritisieren kannst!’“


Ich glaube, da ist viel Wahres daran! Christen haben oft kein Bekenntnis, weil sie

 

(a) zu faul sind, sich einmal hinzusetzen und sich und anderen Rechenschaft abzulegen davon, was sie eigentlich wirklich glauben in Bezug auf bestimmte Punkte; aber auch weil sie…


(b) Angst davor haben, das irgend jemandem mitzuteilen, denn dann sind sie ja verwundbar.

Das macht mich wahnsinnig: Gespräch mit anderen Christen – bezeichnen sich ständig nur als „biblisch“, können/wollen mir aber nie sagen, was sie wirklich glauben, welche Position sie einnehmen in Bezug auf die heißen Eisen der Theologie. Mit solchen Menschen kann man sich nicht fruchtbar auseinandersetzen. Lieber einen kernigen Atheisten, der weiß, was er nicht glaubt, als einen Christen, der nicht weiß, was er glaubt!

Ein persönliches oder ein kirchliches Bekenntnis hilft dazu, kritikfähig zu sein - und zu bleiben. Natürlich, in dem Moment, wo ich publik mache: „Ich bin ein Westminster Bekenntnis-Presbyterianer!” Oder: „Ich bin ein Londoner Bekenntnis-Baptist!“ Oder: „Ich bin ein Heidelberger Katechismus-Reformierter!“ - da mache ich mich verletzlich. Andere Christen werden dann genau hinsehen, ob das, was ich sage, lehre, predige, oder auch wie ich lebe, mit diesem von mir gemachten Bekenntnis übereinstimmt.

Aber das ist doch nicht schlecht! Im Gegenteil, das ist ungemein gesund! Wir brauchen diese Art von (hoffentlich) liebevoller geschwisterlicher Korrektur. Es ist wichtig für unser geistliches Wohlbefinden, dass wir von anderen Christen zur Verantwortung gezogen werden, für das was wir glauben und wie wir leben.


Der pietistisch-evangelikale Individualismus, wo jeder in seinem stillen Kämmerchen glaubt, was er will und niemandem davon zu erzählen braucht, diese Privatfrömmigkeit ist tödlich für die Gemeinde Jesu und ihr Zeugnis in der Welt und hat schon die abscheulichsten Pflänzchen getrieben. Davon loszukommen, dabei helfen die Bekenntnisse ungemein.


2. Ein Bekenntnis hilft, die Überheblichkeit der menschlichen Vernunft zu überwinden


Alle Welt schreit ja danach, dass wir heute so postmodern sind. Und als postmoderne Menschen wissen wir – oder sollten wir wissen -, dass die menschliche Vernunft („gesunde Menschenverstand“) vielleicht gar nicht so gesund ist.


Als Christen können wir hier im Grunde nur zustimmen. Auch unser „gesunder Menschenverstand“ ist von Sünde durchzogen und in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb ist es ja so unendlich wichtig, dass wir nicht unsere Privattheologie zimmern und unsere privaten Gottes- oder Götzenbilder pflegen, sondern im Dialog mit unseren Geschwistern gemeinsam unseren Glauben bekennen.


Wer meint, er brauche kein Bekenntnis, der glaubt wahrscheinlich nicht wirklich daran, dass auch seine Vernunft, sein Menschenverstand, seine theologische Erkenntnis von Sünde durchzogen und äußerst trügerisch und begrenzt ist.

Ich wage mich einmal auf dünnes Eis hier:


Ein Studium der christlichen Bekenntnisse durch die Jahrhunderte wird uns nicht unfehlbar sagen können, welches die wahre und biblische Lehre der Taufe ist (Kinder oder Gläubigen). Aber - wer für Gläubigentaufe steht, muss sich ganz neutral und objektiv bewusst machen: er schwimmt nicht mit dem breiten, überwältigenden und „katholischen“ Strom der Bekenntnisse, sondern mit einem winzig kleinen Nebenflüsschen mit relativ wenig Strömung.

 

Wie gesagt: dies allein ist kein Beweis, dass er mit seinem kleinen Flüsschen falsch liegen MUSS! Aber egal sein dürfte es uns niemals als Christen, wenn wir eine Position vertreten, die kirchengeschichtlich gesehen eindeutig ein Novum ist! Wir brauchen dann umso bessere Argumente, um diese Position zu halten!

3. Ein Bekenntnis bewahrt uns vor Irrlehre


Im 4. Jahrhundert gab es viele Auseinandersetzungen über christliche Grundlehren, u.a. über das Verhältnis zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Einige große Irrlehren resultieren aus dieser Zeit (heute nicht ausgestorben!). Diese Irrlehren haben dazu geführt, dass die Kirche sich hingesetzt hat und ein Bekenntnis formuliert hat, in dem die Dreieinigkeitslehre explizit ausgeführt wird. (Nizäno-Konstantinopolitanum). In der Folgezeit gab es immer wieder Lehrer, die diese Dinge nicht teilten, sondern etwas anderes lehrten. Aber die Kirche hatte dann den Luxus, sagen zu können: „Das entspricht nicht unserem gemeinsamen Glauben, sondern ist Irrlehre! Nach unserem Bekenntnis halten wir an der Dreieinigkeitslehre als biblisch fest!“


Orthodoxie, also Rechtgläubigkeit, macht sich fest an öffentlichen und gemeinsamen kirchlichen Glaubensäußerungen. Wer diese nicht teilt, ist nicht orthodox, sondern heterodox – ein Irrlehrer!

Ich habe selber erlebt, wie bekenntnislose („bekenntnisfreie“) Freikirchen immer liberaler werden, wie plötzlich Dinge auf eine Art und Weise gesagt werden, die haarscharf an Irrlehre vorbeischrammt. Aber man ist sich dessen nicht bewusst und bemerkt den gefährlichen Abwärtstrend nicht, weil man keinen Maßstab hat, woran man diese Dinge messen kann, nichts worauf man verhaftet ist. Außer der Schrift – aber die Schrift, haben wir gesehen, dient allen möglichen Gruppen als Grundlage (z.B. auch den Zeugen Jehovas).

4. Zeitlosigkeit


Der vierte Nutzen der Bekenntnisse (zumindest guter!) ist ihre Zeitlosigkeit. Bekenntnisse können uns als Christen und insbesondere auch als Kirche von der Tyrannei des „Jetzt“ befreien und aus der Verliebtheit in alles, was neu ist. Es ist ein großes Problem, dass wir meinen, die Probleme, denen wir als Gemeinde Jesu heute gegenüberstehen seien größer als je zuvor. Unsere Zeiten seien „besondere Zeiten“!


Wenn wir allerdings das Wort Gottes ernst nehmen, auch dass es nach ihm „nichts Neues unter der Sonne“ gibt, sondern alles schon mal in irgeneiner Form dagewesen ist, dann sollten wir uns und unsere Zeit nicht für ganz so wichtig halten. Vor allem aber können wir dann glauben, dass uns auch die Weisheit der Väter heute wichtige Dinge zu sagen hat. Die Zeitlosigkeit guter Bekenntnisse kann uns aber auch helfen, uns mit unseren Geschwistern im Herrn durch die Zeit hindurch, 500 oder 1000 Jahre zurück, verbunden zu wissen. Das demonstriert den Zusammenhalt, die Einheit des Leibes Christi durch die Zeit und ist ein starker Ausdruck der Einheit des Leibes und wahrer Katholizität. Den Christen jedes Jahrhunderts (bis auf 20./21. Jhdts!) war es besonders wichtig, im besten Sinne des Wortes katholisch zu sein, d.h. sich in Übereinstimmung mit dem allgemeinen christlichen Glaubensgut zu wissen. Das aber kann geschehen, indem man sich in die historischen und in der Praxis bewährten Bekenntnisse mit einklinkt und sie zu seinem eigenen Glaubensbekenntnis macht.

5. Bekenntnis fördert die Einheit des Leibes heute (gg. Individualismus)


Der letzte und große Nutzen der Bekenntnisse hat auch etwas mit Einheit der Christenheit zu tun: und zwar der Einheit des Leibes Christi heute. Wir leben in einer Zeit größter Zersplitterung. Niemals hat es mehr evangelische Kirchen und Freikirchen und christliche und pseudochristliche Sondergruppen gegeben als heute.


Ich habe einen Freund, ein katholischer Agnostiker, dessen Trumpfkarte gegen „unsere Art zu glauben“ (=evangelisch): wir sind uns ja selber nicht einig! Die Zersplitterung und Spaltungen innerhalb der evangelischen Christenheit ist ein Stein des Anstoßes für viele – und auch für uns sollte das so sein!


Wer sich in christlicher Isolation wohl fühlt und sich immer nur von anderen Christen distanziert und abspaltet, der lebt nicht in dem Wunsch Christi, dass die Christen „eins seien“ (Joh 17).