5. Die geschichtliche Begründung

Eine zweite Begründung für ein bekennendes Christsein und eine bekennende Gemeindepraxis, wenn auch unendlich viel unwichtiger als die biblische, ist die historische. Für uns evangelische Christen ist die Geschichte, auch die Kirchengeschichte oder die kirchliche Tradition nicht inspiriert, nicht autoritativ. Aber sie ist lehrreich. Das vergessen evangelikale Christen leider allzu oft.

 

Wir sollten schon allein deshalb eifrige Studenten der Kirchengeschichte sein, weil wir als universale oder unsichtbare Gemeinde Jesu mit den Christen aller Zeiten verbunden sind und glauben, dass ihre Weisheit auch unsere Weisheit ist.

Ich kann hier keine geschichtliche Einführung geben über die Entstehung und Entwicklung der reformierten Bekenntnisschriften, so interessant das wäre. Ich will nur die Frage stellen, wie wurden traditionell Bekenntnisse verstanden, warum hat man sich ihrer bedient und was hat das mit unserer Identität zu tun?

Aus der Geschichte heraus kann man sagen, dass evangelische Christen von Anfang an genötigt waren, Bekenntnisse zu formulieren.


Weil im Gegensatz zur römischen Kirche nach evangelischer Sicht keine definitive Lehrentscheidung durch ein Amt oder eine Person (z.B. einen Papst) fallen kann, die ihrerseits sagt, was der genaue Glaubensstand ist, waren die Evangelischen sozusagen genötigt, von ihrem Glauben Rechenschaft abzulegen. Dem Glauben durch Bekenntnisse Ausdruck zu verleihen ist also zutiefst evangelische Praxis.

Drei Nutzen hat man in den Bekenntnissen gesehen:


1. als Apologie oder Rechenschaft darüber, was man glaubt nach außen hin
2. als Lehrmittel: denn die Bekenntnisse wurden auch gelehrt, insbesondere in der Praxis der Katechese
3. als Definition der Lehre nach innen (und der Abwehr von Irrlehre innerhalb der Gemeinde)

Natürlich gab es schon vor der Reformation Bekenntnisse. Da wären vor allem die großen sogenannten frühkirchlichen (ökumenischen) Bekenntnisse zu erwähnen. Am Bekanntesten natürlich das so genannte Apostolische Glaubensbekenntnis oder auch Credo. Aber auch das Nizäeno-Konstantinopolitanum, das Chalcedonense und das Athanasianische Bekenntnis. Letztere sind vor allem aus den Auseinandersetzungen im 4. Jahrhundert über die Person Jesu und das Wesen der Dreieinigkeit hervorgegangen.


Auch wenn die Christen im 4. Jahrhundert natürlich die Bibel hatten und damit alles, was sie eigentlich brauchten, verdanken wir es doch diesen Bekenntnisschriften, dass bestimmte Irrlehren abgewandt wurden. Einen Großteil der heute für uns gängigen Unterscheidungen und Definitionen in Bezug auf die Person Christi und die Dreieinigkeit verdanken wir diesen Konzilen und ihren Bekenntnissen. Hat kein neuzeitlicher Theologe erfunden!

Aber ich will hier zum geschichtlichen Teil nur noch etwas zu der evangelischen Praxis sagen. Man muss eigentlich sagen, dass es die evangelische Praxis des Bekennens gar nicht gegeben hat. Schon sehr früh in der Reformation finden wir sowohl lutherische Bekenntnisse (von Wittenberg ausgehend) als auch reformierte (v.a. von Zürich und Bern ausgehend).


Und während die lutherische Bekenntnisbildung bis 1580 (also nur gut 60 Jahre nach Beginn der deutschen Reformation) weitestgehend abgeschlossen war, ging es bei den Reformierten noch lange weiter.

Wieso ist das so? Es tritt dadurch ein anderes Verständnis der Bekenntnisse bei Lutheranern und Reformierten zutage. Die lutherischen Bekenntnisschriften, das sind u.a. die sieben großen wie das Augsburger Bekenntnis, der große und kleine Katechismus von Luther und andere, die im Konkordienbuch der lutherischen Kirche zusammengefasst werden, orientieren sich sehr stark an der Person und der Wirkung Luthers (”lutherische Kirche”).

 

Die Reformierten dagegen gingen von Anfang an sehr stark von der grundsätzlichen Überbietbarkeit der einzelnen Bekenntnisse aus. D.h. man hat Bekenntnisse formuliert, aber hat oft gleich dazu gesagt, dass man bereit ist, diese bei Bedarf zu revidieren.

So zum Beispiel in der Vorrede zum 2. Helvetischen Bekenntnis, verfasst vom Züricher Reformator Heinrich Bullinger:

„Vor allem aber bezeugen wir, dass wir immer völlig bereit sind, unsere Darlegungen im allgemeinen und im besonderen auf Verlangen ausführlicher zu erläutern, und endlich denen, die uns aus dem Worte Gottes eines Besseren belehren, nicht ohne Danksagung nachzugeben und Folge zu leisten im Herrn, dem Lob und Ehre gebührt.“


Ähnlich die Confessio Scotica von 1560:

„Wenn irgend jemand in diesem unserem Bekenntnis irgend einen Artikel oder Satz finden sollte, der Gottes heiligem Wort widerspräche, dann möge er uns freundlichst und um der christlichen Liebe willen schriftlich darauf aufmerksam machen. Wir versprechen ihm auf Ehre und Treue entweder Widerlegung seiner Bedenken durch den Mund Gottes selbst, d.h. durch seine Schrift, oder aber Verbesserung dessen, was er uns als verkehrt erweisen sollte.”


Die Lutheraner waren theoretisch auch offen für neue Bekenntnisse, in der Praxis blieb der Bekenntniskanon aber bis ins 20. Jahrhundert hinein geschlossen.

Ich muss mir hier einmal eine Zwischenbemerkung erlauben. Ich habe noch nie irgend einen überzeugten Lutheraner getroffen, der schlecht über die lutherischen Bekenntnisschriften gesprochen hat oder mit den Schultern gezuckt hätte.


Aber ich habe leider schon jede Menge überzeugter Reformierter getroffen, die keine Ahnung haben, was sie mit den Bekenntnissen anfangen sollen, ja die sich in eine Zwangsjacke gesteckt fühlen, wenn sie sich mit dem Erbe der reformierten Christen auseinander setzen sollen. Schade! Denn geschichtlich kann und muss man sagen, gibt es keine reformierten Christen, die ihren Glauben nicht durch reformierte Bekenntnisse ausdrücken. Reformiert sein bedeutet, ein klares Bekenntnis zu haben!
 

Die Notwendigkeit, ein Bekenntnis zu haben


Neben der biblischen Begründung für Bekenntnisse und der geschichtlichen möchte ich nur noch eine kurz nennen: und zwar die Notwendigkeit, ein Bekenntnis zu haben.

Mit dem Bekenntnis ist es wie mit der Theologie: jeder hat eine, die Frage ist, ob sie gut oder schlecht ist. Und jeder Christ hat ein Bekenntnis. Die Frage ist, ob er es bewusst formuliert und sich darüber Rechenschaft gibt oder nicht.


Ich erlebe immer wieder, dass gerade evangelikale Christen die Bekenntnisse schlecht machen und sagen: wozu brauchen wir so etwas, wir haben doch die Bibel! Ich glaube an die Bibel und nicht an ein Bekenntnis!

Aber wie wir das schon von Spurgeon gehört haben: kein Mensch kann sagen, ich glaube an die Bibel, wenn er nicht in eigener Sprache, mit eigenen Worten sagen kann, was er glaubt, dass diese Bibel lehrt.


Beispiel: Zwei Menschen sagen, sie glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist. Aber wie meinen sie das? So wie Karl Barth, der lehrte, dass die Bibel das Wort Gottes punktuell vielleicht werden kann? Oder so wie Calvin, der lehrte, dass die Bibel immer das Wort Gottes ist?


Oder zwei Menschen sagen, sie glauben an Jesus. Der eine ist ein Christ, der andere ein Zeuge Jehovas. Und selbst Muslime glauben oder akzeptieren ja Jesus Christus. Da müssen wir schon etwas expliziter und ausführlicher werden.


Wir müssen explizit bekennen, was wir glauben - und für diese Überzeugungen sollten wir dann auch bereit sein, im Notfall unser Leben zu lassen!