3. Zu den kulturellen Faktoren

 

Es wird viel Druckerschwärze verwendet für die Diskussion, ob wir nun eigentlich in der Postmoderne leben oder nicht. Fakt ist jedoch: seit einigen Jahrzehnten (ca. 60er/70er) eine Krise der Wahrheit erleben. Objektive Wahrheit, wenn es so etwas überhaupt gibt, - so sagt man uns - können wir vielleicht gar nicht abschließend erkennen. Wer sind wir denn schon, dass wir den Anspruch auf absolute Wahrheit erheben könnten?

Ein Merkmal unserer Zeit – ob postmodern oder nicht – ist, dass man jede Form von Schubladendenken ablehnt. Man will keine „Labels“, keine Etiketten haben und auch keine verteilen. Kein Mensch passt in irgendein Schema – und deshalb sollte es auch keinen Zwang zu irgendeiner institutionalisierten Weltanschauung geben, sei diese nun politisch, philosophisch oder theologisch.

Der Evangelikalismus von heute ist natürlich in vielen Punkten ein Spiegelbild der Kultur, der Gesellschaft und des Zeitgeistes. Und deshalb ist er in den meisten Fällen auch genauso skeptisch. „Nichts genaues weiß man nicht“ – wer kann schon abschließend sagen, was richtig ist in der Tauffrage, in der Frage nach der Prädestination oder nach der Inspiration der Heiligen Schrift. Wir sind bloß Menschen. Was zählt sind deshalb nicht spitzfindige theologische Richtigkeiten („Orthodoxie“– hat den Geschmack eines Schimpfwortes), sondern dass wir alle Jesus lieb haben – und wer ihn lieb hat, ist unser Freund, egal was er glaubt oder welches Bekenntnis er hat.

Man ist – nach einigen Jahrhunderten - den Konfessionalismus endlich satt und überdrüssig. Man will nichts mehr wissen von Denominationen oder Kirchen. Evangelikal zu sein ist “in”, ökumenisch zu sein ist noch “inner”.

Es gibt da natürlich starke Tendenzen zu einem christlichen Einheitsbrei, der notwendigerweise sinnentleert ist. Früher hat man sich auf dem Boden einer gemeinsamen, geteilten Wahrheit gefunden und so Gemeinschaft gehabt – heute ist Gemeinschaft wichtiger als Wahrheit. Oder Gemeinschaft sogar auf Kosten der Wahrheit!

Das also kurz zu einigen kirchlichen und kulturellen Faktoren, die dazu führen oder geführt haben, dass heute Bekenntnisse eine sehr schlechte Lobby haben in der Gemeinde Jesu.

Wenn wir uns einige Bekenntnisse anschauen, dann sehen wir sehr schnell: Bekenntnisse, zumindest die historischen, erheben immer den Anspruch, allgemeine christliche Wahrheit auszudrücken. Diese Bekenntnisse waren zwar meist irgendwie regional begrenzt in ihrer Gültigkeit, aber der Anspruch auf Wahrheit schlechthin und auf Allgemeingültigkeit war immer da!

Die Überschrift des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses zum Beispiel lautet:

„Bekenntnis und einfache Erläuterung des orthodoxen Glaubens und der katholischen Lehren der reinen christlichen Religion.“ („Katholisch“ heißt hier allgemein. „Katholisch“ zu sein in der Lehre, das was ungefähr dasselbe ist wie orthodox und im besten und reinsten Sinne christlich zu sein.) Solch hochtrabende Ansprüche sind heute einfach nicht (mehr) politisch korrekt!

Wir können hier nicht in der Tiefe einsteigen und diese kulturellen und kirchlichen Faktoren und Haltungen kritisieren. Ich setze im Grunde voraus, dass wir als Christen davon ausgehen, dass uns der Herr in seinem Wort Propositionen, d.h. definitive Wahrheitssätze, objektive Wahrheit mitgeteilt hat, die wir – auch als fehlbare und sündhafte Menschen – verstehen können und selber wiederum in Worte fassen und nachformulieren können, schriftlich oder mündlich.

Auf dieser Grundlage wollen wir fragen: wieso brauchen wir überhaupt so etwas wie Bekenntnisse? Wo liegt die Berechtigung und die Begründung dafür?

Nach der Begründung werden wir uns kurz möglichen Einwänden zuwenden und dann zum praktischen Nutzen von Bekenntnissen in der Gemeindearbeit kommen.

Die Begründung von Bekenntnissen allgemein


Unser erster Grund für alles, was wir als Christen und als Gemeinde Jesu tun, sollte und muss natürlich immer sein: weil es biblisch ist! Damit wollen wir beginnen. Ist Bekennen, sind Bekenntnisse biblisch?